
Paris–
Roubaix
Pavé · Tradition · HerausforderungEin Sieg ohne Zeit.
Ich stehe im Velodrom von Roubaix und halte mein Rad über den Kopf. Um mich herum liegen erschöpfte Fahrer auf dem Rasen, andere fallen sich in die Arme. Ich bin müde, glücklich und überwältigt.
Die Zeit spielt keine Rolle. Wir sind angekommen. Wir haben die Kopfsteinpflasterpassagen von Paris–Roubaix überstanden. In diesem Moment fühlen wir uns tatsächlich wie Sieger.
Timos Frage – und plötzlich gab es keine Ausrede mehr

Begonnen hat unser Abenteuer mit einer einfachen Frage von Timo. Während der Weihnachtsferien fragte er mich, ob ich Lust hätte, die Paris–Roubaix Challenge zu fahren. Ich hatte mir gerade ein Gravelbike gekauft. Damit war zumindest die naheliegendste Ausrede vom Tisch.
Wir sprachen mit unseren Familien und beschlossen kurzerhand: Wir machen das. Aus einer spontanen Idee wurde eine gemeinsame Reise. Am Ende machten sich sieben Fahrer aus unserer Gruppe auf den Weg nach Roubaix.
Eine Stadt im Zeichen des Radsports

In der Vorbereitung suchten wir rund um Stuttgart möglichst viel Gravel und die wenigen Stücke Kopfsteinpflaster, die wir finden konnten. Was uns in Nordfrankreich erwartete, konnten wir trotzdem nur erahnen.
Am Freitag fuhren wir zu zweit im VW-Bus Richtung Roubaix, trafen dort die anderen und bezogen ein kleines Hotel. Der erste Aha-Moment folgte sofort: Überall begegneten uns Radfahrer. Menschen aus vielen Ländern waren angereist, um einen Teil dieses Monuments selbst zu erleben. Tausende fahren am Samstag – und stehen am Sonntag gemeinsam an der Strecke des Profirennens. Diese Mischung gibt der ganzen Stadt einen besonderen Rhythmus.
5:30 Uhr. Kein Rennen gegen die Uhr. Ein Abenteuer.

Am Renntag klingelte gegen halb sechs der Wecker. Um sieben Uhr wollten wir auf der Strecke sein. Gestartet wird innerhalb eines Zeitfensters, eine offizielle Zeitnahme gibt es nicht. Das machte für mich einen großen Unterschied: kein Kampf um jede Sekunde, sondern der Wunsch, die berühmten Pavés zu bewältigen und dieses Abenteuer bewusst zu erleben.
Im Vergleich zu Rund um Köln oder Eschborn–Frankfurt fühlte sich der Start deutlich entspannter an. Große Teile der Strecke sind allerdings nicht vollständig für den Verkehr gesperrt. Wir fuhren teilweise auf öffentlichen Straßen und blieben entsprechend aufmerksam.
Aus Respekt wird Realität

Vor der Trouée d’Arenberg hatte ich großen Respekt. Ehrlich gesagt hatte ich sogar ein bisschen Angst. Die Bilder aus dem Fernsehen kannte ich – was dieses Kopfsteinpflaster wirklich bedeutet, verstand ich erst vor Ort. Die Steine sind grob, ungleichmäßig und kompromisslos. Das Rad schlägt, der Lenker arbeitet in den Händen und der ganze Körper versucht, Ruhe in die Bewegung zu bringen.
Auf dem Pflaster blieb keine Zeit mehr zum Nachdenken. Wir hielten unsere Linie, blickten nach vorn und traten weiter. Danach hielten viele von uns fast automatisch an. Freunde und völlig Fremde erzählten sich, wie sie Arenberg gerade erlebt hatten. Niemand musste erklären, warum dieser Abschnitt uns aufgewühlt hatte. Wir wussten es.
Von einer Achterbahn zur nächsten

Kevin aus unserer Gruppe fand den passenden Vergleich: Nach Arenberg wird Paris–Roubaix ein wenig wie ein Erlebnispark. Die Kopfsteinpflasterpassagen sind die Attraktionen, die Straßen dazwischen die Transfers von einer Achterbahn zur nächsten. So bewegten wir uns durch den Tag – von Sektor zu Sektor, von Erlebnis zu Erlebnis.
Auch die Verpflegungsstationen gehören zu dieser Geschichte. Sie sind groß, geräumig und beeindruckend ausgestattet. Weil keine Zeit über unser Ergebnis entschied, blieben wir, aßen, lachten und sprachen über den letzten Sektor und das, was noch vor uns lag. Für uns waren diese Stopps nicht nur Versorgung, sondern ein Teil des Erlebnisses.
Das Velodrom

Irgendwann rückte Roubaix wieder näher. Dann kam die Einfahrt in das Velodrom. Wir fuhren zwar in einer anderen Richtung hinein als die Profis – aber das war in diesem Moment vollkommen egal. Plötzlich waren wir an diesem magischen Ort, den wir so oft im Fernsehen gesehen hatten. Mit unseren eigenen Rädern. Mittendrin.
Keine Platzierung entschied über den Wert dieses Moments. Wir hatten unsere persönliche Version von Paris–Roubaix erlebt. Ich hob mein Rad über den Kopf – nicht, weil ich ein Rennen gewonnen hatte, sondern weil es sich genau so anfühlte.
Erst selbst fahren, dann die Profis erleben

Dass die Challenge am Samstag stattfindet und das Profirennen am Sonntag folgt, ist nahezu perfekt. Am Samstagabend gingen wir gemeinsam essen, tranken etwas und ließen unseren Tag noch einmal aufleben. Am nächsten Morgen fuhren Timo und ich früh nach Arenberg.
Wir lernten dort andere Radsportfans kennen und verbrachten den Tag mit ihnen. Nur 24 Stunden nach unserer eigenen Fahrt sahen wir die Profis über dieselben Steine jagen. Natürlich kauften wir uns auch ein T-Shirt. Wir waren einfach stolz. Am Sonntagabend fuhren wir zurück nach Stuttgart – erschöpft, begeistert und mit einer Geschichte, die weit über ein Ergebnis hinausgeht.






Paris–Roubaix war für uns kein Rennen gegen die Uhr. Es war ein Abenteuer.Und eines für die Bucketlist.Zurück zu den Erlebnissen
